Der Weg von der ersten Idee zum fertigen Produkt ist kein einfacher. Ich habe mich mit Tobias, dem Mitgründer von TeamGrid, über seine Erfahrungen auf diesem Weg und darüber unterhalten wie man künftige Kunden frühzeitig in die Produktentwicklung einbeziehen kann.

Wer bist Du und was machst Du?Tobias-quadratisch_small
Ich bin Tobias Hieb, Mitgründer und Leiter der Produktentwicklung von TeamGrid. Mein erstes Internet-Unternehmen habe ich im Alter von 17 Jahren unmittelbar nach der Dotcom-Krise 2001 gegründet. Seither war ich lange Zeit als SEO und Affiliate aktiv. 2007 startete ich das Blog „sevenmac“, das sich zu einem der meistgelesenen Internetmagazine für Apple Fans in Deutschland entwickelte. 2010 wurde sevenmac von dem ReCommerce-Unternehmen flip4new übernommen. Zuletzt unterstützte ich meine Frau im Aufbau ihrer Branding- & Kreativagentur und stellte fest, dass sich mein nächstes Produkt mit dem Thema „Collaboration“ beschäftigen sollte.

Wann und wie seid Ihr auf die Idee zu TeamGrid gekommen?
Ein Jahr nach der Gründung der Agentur waren wir 5 Leute und haben festgestellt, dass wir für das Handling der unterschiedlichen Projekte und den Betrieb der Agentur eine Software benötigen, die alle Abläufe in der Agentur und das Management der Projekte transparenter macht. Wir haben zahlreiche Tools getestet und keines davon hat uns die Funktionalitäten geboten, die wir uns gewünscht hätten. Irgendwann war der „Pain Point“ so groß, dass wir angefangen haben, ein User Interface zu scribbeln, das uns die gewünschte Transparenz schafft. Wir waren von unserem Ansatz so gefesselt, das wir daraufhin einen Prototypen  entwickelt haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Absicht, daraus ein SaaS-Produkt zu machen. Zunächst wollten wir mit TeamGrid unseren eigenen Bedarf decken.

Wann seid Ihr damit auf andere zugegangen, um zu testen ob der Prototyp nicht nur eine Lösung für Euer Problem ist, sondern auch für andere interessant sein könnte und um herauszufinden, ob dafür ein Markt besteht?
Damit haben wir schon in der Ideenphase noch vor dem Prototyp begonnen. Ich habe eine Facebook-Reichweite von ca. 900 Personen, die fast alle aus einem ähnlichen Umfeld kommen wie ich. Viele sind Gründer oder kommen aus dem Agenturumfeld. Ich habe auf Facebook den gesamten Prozess vom ersten Scribble an geteilt und um Feedback gebeten. Dadurch haben wir sehr früh Hinweise erhalten, ob wir auf dem richtigen Weg sind und haben von Anfang an die Meinung potentieller Kunden in die Produktentwicklung einfließen lassen.

Wann hattet Ihr eine erste Version fertig, die Ihr auch mit anderen Anwendern geteilt habt?
Im Oktober 2014 haben wir eine Sneak Peak Webseite veröffentlicht, auf der wir das Screendesgin über Mockups und Videos präsentiert haben. Zu dieser Zeit war unser intern genutzter Prototyp ja schon fertig. Damit sind wir an die Presse gegangen und wurden ausführlich auf Gründerszene, Deutsche Startups und Betalist vorgestellt.

Wie habt Ihr es geschafft, ohne ein fertiges Produkt so viel Aufmerksamkeit von der Presse zu bekommen und hat sich das für Euch gelohnt?
Zum einen lag es daran, dass wir das Problem Projektmanagement komplett anders lösen als es bestehende Software tut. Das hat bei vielen zu Neugierde geführt. Außerdem hatte ich in der Vergangenheit schon Startups gegründet und dadurch gute Kontakte zu einigen TechBlogs und Startup-Medien. Diese Kontakte haben es sicherlich vereinfacht, dass wir von der Presse und den Blogs Aufmerksamkeit bekommen haben. Die Kombination aus neuartigem Produkt und meinen Kontakten war entscheidend. Durch die Berichterstattung in der Presse und in Blogs haben wir dann 2.000 Vorregistrierungen generiert.

Wie ging es dann für Euch weiter?
Im Februar 2015 haben wir dann eine closed Beta gestartet. Da wir bei den Vorregistrierungen nicht nur E-Mail- Adressen eingesammelt haben, sondern auch Fragen zur Teamgröße und zum Anwendungsfall gestellt haben, konnten wir aus den 2.000 Vorregistrierungen, die für unsere Lösung am besten passenden Unternehmen identifizieren. Im ersten Schritt haben wir nur 20 Teams auf die Plattform geholt und dann schrittweise über 5 Monate weitere Teams zugelassen.

Warum habt Ihr die Plattform nur so zögerlich für Nutzer geöffnet? Wie habt Ihr Feedback in dieser Phase erhoben?
Wir wollten die ersten 100 Teams persönlich beim Onboarding unterstützen, um ganz genau herauszufinden, wie sich ein User mit TeamGrid auseinandersetzt. Deswegen haben wir die Onboarding-Sessions über Screensharing aufgezeichnet, damit wir sehen, was ein User macht und warum er das macht.

Zusätzlich haben wir Feedback-Tools integriert, wie z.B. Intercom, damit die User einfach mit uns Kontakt aufnehmen und Bugs reporten konnten. Wir haben jede Woche eine Mail an alle Betauser versendet, um sie über die Weiterentwicklung von TeamGrid zu informieren und sie aufgefordert uns Feedback zu senden.

Also habt Ihr Euch bei den ersten Usern voll auf qualitatives Feedback konzentriert?
Nicht nur, wir haben uns auch intensiv mit quantitativen Statistiken auseinandergesetzt. Über Segment haben wir alle Events auf TeamGrid erfasst und diese dann über Mixpanel ausgewertet. So konnten wir in Echtzeit sehen, wann und wie häufig welche Funktionen genutzt oder eben nicht genutzt wurden.

Wann seid Ihr von der Closed Beta in die Public Beta gegangen?
Im November 2015 haben alle 2.000 Vorregistrierungen eingeladen, TeamGrid zu nutzen und damit die Public Beta geöffnet, in der wir uns immer noch befinden.

Vom Aufruf zur Vorregistrierung bis zur Public Beta verging fast 1 Jahr. Wie viele der Vorregistrierungen haben dann tatsächlich TeamGrid genutzt?
Bisher haben gut 40% der Vorregistrierungen mit der Nutzung von TeamGrid begonnen. Wir hatten gehofft, dass es mehr als 50% sein werden. Aber der Zeitraum vom Start der Landing Page bis zur Public Beta war sehr lang und wir hätten in der Zeit auch intensiver mit den Vorregistrierungen kommunizieren sollen. Wir hätten die Public Beta auch gerne früher gelauncht. Aber so ist das nun einmal in der Softwareentwicklung: meistens dauert es länger als man denkt.

Unmittelbar nach dem Launch der Public Beta ist TeamGrid recht prominent auf Product Hunt und KillerStartups gelistet worden. Wie habt Ihr dort eine gute Platzierung erreicht und was hat es Euch gebracht?
Es gibt die Möglichkeit mit Product Hunt Exclusive Deals zu vereinbaren. Wir haben Product Hunt angeboten, dass Neukunden 50% Discount erhalten, wenn sie über ihre Plattform kommen. Den Leuten von Product Hunt hat unser Produkt und das Angebot gefallen. Einer der Community Manager von Product Hunt, der sehr viele Follower hat, hat das Angebot dann online gestellt und kurz danach waren wir dann auf Platz 2 und standen damit direkt auf der Startseite. Das hat uns knapp 20.000 zusätzliche Besucher auf unserer Webseite an diesem Tag gebracht.

Und wie viele dieser 20.000 Besucher sind dann Kunden bei Euch geworden?
Das waren ca. 300 und wir hatten uns mehr von der Aktion erhofft. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur eine kostenpflichtige Version für 19€ pro Monat und User im Angebot. Wir hatten unser Produkt stark am Agenturmarkt ausgerichtet, waren aber mit diesem Pricing für Startups nicht wettbewerbsfähig. Deswegen haben wir dann innerhalb einer Woche noch weitere Preispläne eingeführt, unter anderem auch eine kostenlose Variante.

Wo liegt Euer aktueller Fokus?
In den ersten Wochen nach dem Launch haben wir uns überhaupt nicht damit beschäftigt noch mehr Kunden zu gewinnen. Wir haben uns zu 100% auf das Onboarding, Support und Feedback konzentriert. Wir wollen, dass sich der Nutzer innerhalb weniger Minuten im Produkt zu recht findet und einen Wow-Effekt hat. Um das herauszufinden, haben wir Fullstory eingesetzt. Damit erhalten wir in annonymiserter Form Screenrecordings von der Benutzeroberfläche eines Users und können detailliert nachvollziehen, was ein User unmittelbar nach der Registrierung macht. Auf dieser Basis haben wir ein interaktiven Onboarding-Guide entwickelt, der alle wichtigen Funktionen auflistet und den User durch die Arbeitsweise mit TeamGrid führt.

Was sind Eure Pläne für 2016?
Anfang 2016 werden wir uns verstärkt auf Marketing und Kundengewinnung konzentrieren. Wir werden unsere Zielgruppe zunächst sehr eng fassen und kleine bis mittelgroße Agenturen in Deutschland ansprechen, da wir diese als Agenturinhaber sehr authentisch ansprechen können. Derzeit ist die USA nach Deutschland das zweitstärkste Land in Bezug auf unsere Nutzerzahlen. Wir werden also auch Vertriebslösungen für das Ausland suchen und aufsetzen.

Produktseitig werden wir 2016 unsere Projektmanagement-Plattform weiter ausbauen und vor allem unsere Lösung für das „Smart Office“ vorstellen. Wer mehr über unsere produktspezifische Zukunft erfahren möchte, ist gern eingeladen, unsere Blogserie „Was bisher geschah…“ zu verfolgen. Dort erklären wir im Detail, wie es zu TeamGrid kam und welche ziele wir mit TeamGrid verfolgen.

Du hast schon sehr früh über jeden Entwicklungsschritt bei TeamGrid kommuniziert. Ist diese Offenheit eine grundsätzliche Philosophie oder ein Marketinginstrument?
Ich denke, dass es gerade bei SaaS sehr wichtig ist, die Kunden fortlaufend darüber zu informieren wie sich das Produkt weiterentwickelt und welche Philosophie in der Produktentwicklung steckt. Deswegen sind wir auf Produktebene äußerst transparent und informieren Kunden und Interessenten über jeden Schritt von der ersten Idee bis zur konkreten Umsetzung. Es gibt dem Kunden ein gutes Gefühl zu wissen, dass das Produkt äußerst aktiv weiterentwickelt wird. Da ist es in meinen Augen nicht ausreichend, alle paar Monate einen Newsletter zu versenden in dem aufgelistet ist, was sich geändert hat.

Wenn Du auf die letzten zwei Jahre zurückblickst, was würdest Du heute anders machen?
Wir haben am Anfang nicht klar definiert wo wir mit TeamGrid hinwollen. Wir haben damals aus unserem „Pain Point“ heraus eine Lösung für den Eigenbedarf entwickelt. Hätten wir frühzeitiger entschieden, daraus ein kommerzielles Produkt zu machen, hätten wir die Konzeption und die Umsetzung effizienter gestalten können. Wir haben viele Monate damit verbracht zu definieren, was wir besser als andere Tools machen müssen, um überhaupt eine Daseinsberechtigung für TeamGrid zu schaffen – schließlich gibt es hunderte Projektmanagement-Apps. Auf der anderen Seite hat uns diese Experimentierphase sehr geholfen, unsere Produktvision zu definieren.

Was ist Dein Rat an junge Gründer im B2B-Umfeld?
Bei meinen ersten Unternehmensgründungen habe ich rein rational darüber nachgedacht in welchen Marktsegmenten und mit welchen Geschäftsmodellen eine Gründung erfolgsversprechend ist. Das heißt: wo ist ein Markt in dem ich Geld verdienen kann? Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass dieser Ansatz für mich nicht mehr gültig ist. Ich muss als Gründer eine Lösung für ein bestehendes Problem identifizieren und dieses auf wirklich smarte Art und Weise lösen. Es macht mich als Unternehmer glücklich, wenn ich ein reales Problem lösen kann. Es gibt nichts Schöneres, als wenn Dir ein Kunde den Dank ausspricht, dass Du sein Leben einfacher und besser gemacht hast.

Tobias, ich danke Dir für das Gespräch!

 

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